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Ein Kind zur Zeit

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Kurztext / Annotation
Eines Tages wird für Stephen und Julie der schlimmste Alptraum aller Eltern Wirklichkeit: ihre dreijährige Tochter verschwindet spurlos. Ein Roman über eine Welt, in der Bettler Lizenzen haben und Eltern darüber aufgeklärt werden, daß Kindsein eine Krankheit ist. Aber auch eine subtile Ergründung von Zeit, Zeitlosigkeit, Veränderung und Alter.

Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er für Amsterdam Abbitte

Textauszug
[7] Eins

"...und jenen Eltern, die allzu lange durch den blassen Relativismus selbsternannter Kindererziehungsexperten irregeleitet wurden..."

Autorisierter Leitfaden zur Kindererziehung
Her Majesty's Stationary Office ( HMSO )

Förderung öffentlichen Nahverkehrs wurde von der Regierung und der Mehrheit der von ihr Regierten seit langem als Beschneidung der persönlichen Freiheit angesehen. Zweimal täglich brachen zur Stoßzeit die verschiedenen Netze zusammen, und Stephen fand, er kam zu Fuß schneller von seiner Wohnung nach Whitehall, als wenn er ein Taxi nahm. Es war Ende Mai, und die Temperatur ging kurz vor halb zehn schon auf fünfundzwanzig Grad. Er näherte sich der Vauxhall Bridge, vorbei an den Zweier- und Dreierreihen im Stau bebender Autos, jedes nur mit seinem Fahrer besetzt. Das persönliche Freiheitsstreben hörte sich eher resigniert als passioniert an. Beringte Finger trommelten geduldig auf den Rinnen heißer Blechdächer, weißärmelige Ellbogen ragten aus offenen Fenstern. Zeitungen waren auf Lenkrädern ausgebreitet. Stephen schritt schnell durch die Menge, durch Lärmschichten plärrender Autoradios - Dudelmusik, dynamische Frühstücksmoderationen, Nachrichtenfetzen, Verkehrs-"Warnungen". Soweit die Fahrer nicht lasen, hörten sie teilnahmslos zu. Das stetige Vorwärtsdrängen des Fußvolks mußte ihnen ein Gefühl [8] relativer Bewegung vermitteln: eines langsamen Rückwärtsgleitens.

Während Stephen im Zickzack überholte, hielt er wie immer, wenn auch kaum noch bewußt, Ausschau nach Kindern, einem fünfjährigen Mädchen. Es war mehr als eine Gewohnheit, denn Gewohnheiten kann man ablegen. Es war eine tiefe Neigung, seinem Wesen durch Erfahrung aufgeprägt. Es war nicht in erster Linie ein Suchen, wie es das früher einmal gewesen war, zwanghaft und lange Zeit. Zwei Jahre später waren davon nur noch Rudimente übrig; es war jetzt ein Sehnen, ein trockener Hunger. Eine biologische Uhr, leidenschaftslos in ihrer Unaufhaltsamkeit, ließ seine Tochter wachsen, erweiterte und komplizierte ihren einfachen Wortschatz, machte sie kräftiger, ihre Bewegungen sicherer. Die Uhr, unermüdlich wie ein Herz, hielt Wort mit einem immerwährenden Konjunktiv: Sie würde malen, zu lesen anfangen, einen Milchzahn verlieren. Sie wäre ein vertrauter Anblick, eine Selbstverständlichkeit. Es schien, als könne die Vielzahl der Anlässe diesen Konjunktiv verschleißen, die dünne, halbdurchsichtige Wand, deren feines Gespinst aus Zeit und Möglichkeit zwischen ihm und ihr stand: Sie ist aus der Schule gekommen und müde, ihr Zahn liegt unterm Kissen, sie sucht ihren Daddy.

Jedes fünfjährige Mädchen - Jungen aber auch - nährte den Fortbestand ihrer Existenz. In Läden, auf Spielplätzen, bei Freunden suchte er unfehlbar Kate in anderen Kindern, übersah er nicht die allmählichen Veränderungen, die zuwachsenden Fähigkeiten, fühlte er stets die ungenutzte Energie der Wochen und Monate, der Zeit, die eigentlich die ihre war. Kates Wachsen war zum Wesen der Zeit selbst [9] geworden. Ihr Scheinwachstum, Produkt obsessiven Leides, war nicht nur unausweichlich - nichts vermochte die unermüdliche Uhr anzuhalten -, es war auch notwendig. Ohne den Traum von ihrer fortbestehenden Existenz wäre er verloren gewesen, die Zeit stehengeblieben. Er war Vater eines unsichtbaren Kindes.

Aber hier auf der Millbank gab es nur Exkinder, die sich zur Arbeit schleppten. Weiter vorn, knapp vor dem Parliament Square, sah er eine Gruppe konzessionierter Bettler. Im Parlaments- und Regierungsviertel oder auch nur in Sichtweite des Platzes waren sie nicht zugelassen. Ein paar wenige aber nutzten den Zusammenfluß der Pendlerströme. Er sah ihre blitzenden Abzeichen aus einigen hundert Meter Entfernung. Dies war ihr Wetter, und sie trugen

Beschreibung für Leser
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

Cover Ein Kind zur Zeit
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Veröffentlicht 2015, von Ian McEwan bei Diogenes

ISBN: 978-3-257-60636-2
Auflage: 2. Aufl.
352 Seiten

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