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Der Trick

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Kurztext / Annotation
Einst war er der "Große Zabbatini", der 1939 in Berlin als Bühnenzauberer Erfolge feierte, heute ist er ein mürrischer alter Mann in Los Angeles, der den Glauben an die Magie des Lebens verloren hat. Bis ihn ein kleiner Junge aufsucht, der mit Zauberei die Scheidung seiner Eltern verhindern will. Ein bewegender und aberwitziger Roman über verlorene und wiedergewonnene Illusionen.

Emanuel Bergmann, geboren 1972 in Saarbrücken, ging nach dem Abitur nach Los Angeles, um dort Film und Journalismus zu studieren. Er war viele Jahre lang für verschiedene Filmstudios, Produktionsfirmen und Verlage in den USA und Deutschland tätig. Derzeit unterrichtet er Deutsch, übersetzt Bücher und schreibt Artikel für diverse deutsche Medien. Der Trick

Textauszug
{5} 1 Die Welt und wie sie hätte sein sollen

Z u Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts lebte in Prag ein Mann namens Laibl Goldenhirsch. Er war ein bescheidener Mensch, ein Rabbiner, ein Schriftgelehrter, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Geheimnisse, die uns umgeben, zu verstehen. Eine Aufgabe, der er sich mit Leib und Seele widmete. Tag für Tag, Stunde um Stunde brütete er über der Thora, dem Talmud, dem Tanach und ähnlich fesselnden Lektüren. Er hatte, nach Jahren des Lernens und Lehrens, eine ungefähre Vorstellung davon, wie die Welt war, aber vor allem, wie sie eigentlich hätte sein sollen. Denn es schien die eine oder andere Diskrepanz zu geben zwischen der lichten Herrlichkeit der Schöpfung und dem ärgerlichen und verregneten Alltag, durch den wir Menschen uns schleppen müssen. Seine Schüler schätzten ihn, zumindest die weniger dämlichen unter ihnen. Seine Worte erhellten das Dunkel des Daseins wie das Licht einer Kerze.

Er lebte mit seiner Frau Rifka in einem ärmlichen Mietshaus nahe der Moldau. Die Wohnung, die aus nur einem Zimmer bestand, enthielt nicht viel mehr als einen Küchentisch, einen Holzofen, eine Spüle und ein Bett, das in der Nacht eines jeden Sabbats rhythmisch knarrte, so wie es Pflicht war und geschrieben stand.

Zwischen den Stockwerken gab es ein Wunder der {6} Moderne, nämlich ein Wasserklosett. Dieses mussten die Goldenhirschs zu ihrem täglichen Ärger mit ihrem Nachbarn aus der Wohnung über der ihren teilen, einem Ochsen namens Mosche, der seines Zeichens Schlosser war und der sich ständig und laut hörbar mit seiner Ehefrau, einem unschicklichen Weibsbild, zankte.

Rabbi Goldenhirsch lebte in einer Zeit des technischen Fortschritts, der ihn jedoch kaum interessierte. Die bedeutenden Veränderungen des neuen Jahrhunderts berührten ihn nur am Rande. So waren vor einigen Jahren die Gaslampen entlang der Straßen gegen elektrische ausgetauscht worden, was manche Menschen für Teufelswerk, andere wiederum für Sozialismus hielten. Auch hatte man am Flussufer Gleise aus Stahl verlegt, auf denen Straßenbahnen fuhren und dabei eifrig Funken versprühten.

So also sah er aus, der Zauber des neuen Zeitalters.

Laibl Goldenhirsch konnte mit alldem wenig anfangen. Straßenbahnen hin oder her, das Leben blieb beschwerlich. Stur und genügsam ging er seinem Alltag nach, so wie es die Juden Europas seit Jahrhunderten getan hatten und vermutlich über Jahrhunderte hinweg weiter tun würden. Der Rabbi bat um wenig, und infolgedessen erhielt er auch wenig.

Sein Gesicht war schmal und blass über dem schwarzen Bart, er hatte dunkle, wache Augen, durch die er das Treiben um sich herum mit einem gewissen Maß an Misstrauen betrachtete. Nach getanem Tagwerk legte der Rabbi seinen Kopf auf das Kissen neben seiner geliebten Rifka, einer starken, schönen Frau mit rauhen Händen, sanftem Blick und kastanienbraunem Haar. Manchmal, in den kurzen {7} Momenten, bevor der Schlaf ihn übermannte, meinte er, durch die Zimmerdecke hindurch bis in den Nachthimmel blicken zu können. Dann ließ er sich treiben wie ein Blatt im Wind, wurde emporgehoben und schaute hinab auf die kleine Welt. So anstrengend das Leben auch sein mochte, hinter dem dünnen Schleier des Alltäglichen gab es eine Herrlichkeit, die ihn stets aufs Neue verzückte.

"Allein schon da zu sein, allein schon zu leben", pflegte Laibl zu sagen, "ist ein Gebet."

Aber des Öfteren lag er in letzter Zeit schlaflos und starrte vor sich hin. Es verdross ihn, dass es im Zeitalter der technologischen Wunder keinen Platz mehr für echte Wunder zu geben schien. Denn Rabbi Goldenhirsch hatte in dieser Hinsicht Bedarf.

Etwas fehlte in seinem Leben: ein Sohn. Er brachte zahllose Stunden damit zu, die Söhne anderer zu erziehen - Idioten, allesamt -, und wann immer er in ihre Gesichter blickte, stellte er sich vor, eines Tages in da

Beschreibung für Leser
Unterstützte Lesegerätegruppen: PC/MAC/eReader/Tablet

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Veröffentlicht 2016, von Emanuel Bergmann bei Diogenes

ISBN: 978-3-257-60709-3
Auflage: 2. Aufl.
336 Seiten

Über Emanuel Bergmann

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